16 Hymnen


Die Nationalhymnen zur Fußball-EM

 

Mit 10. Mai ist die kleine, feine Ausstellung im Foyer des Hauses der Musik "angepfiffen". Die Nationalhymnen aller 16 EM-Teilnehmer werden vorgestellt: in Ton, Gesang und Bild, wobei in Kooperation mit dem ORF ein Medley mit den jeweiligen Nationalmannschaften gesampelt wurde.


 

Man sieht, mit welcher Euphorie die Spieler "ihre" Hymnen singen, oder zumindest so tun als ob. Dabei gibt es wunderliche Szenen, die zum Schmunzeln und Lachen anregen. Und auch viel über die Psyche der jeweiligen Länder und Spieler verraten.

 

Der österreichische Schriftsteller Franzobel, der sein Pseudonym nach einem Fußballspiel benannte, hat speziell für das Haus der Musik dazu einen Text verfasst, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten.

 

Franzobel kommt übrigens von einem Signet, das während eines Fußballländerspieles am Bildschirm eingeblendet wurde: die Abkürzung und der Stand des Länderspiels Frankreich gegen Belgien. "Fran" für Frankreich, "z" für "Zwischenstand", "o" für 0:0 und "Bel" für Belgien. Ein kreativer Part von Franzobel gewissermaßen.

 

Warum ist Fußball so großartig?


Warum zieht er uns jedes Mal erneut in seinen Bann? Fußball ist manchmal sehr poetisch, manchmal filigran. Fußball ist ein wunderbarer Sport, Kriegsersatz, Religion, lehrreich und ein herrlicher Geschichtenerzähler. Im Fußball gibt es geniale Augenblicke und immer Spannung, denn so groß kann der Klassenunterschied nicht sein, dass nicht auch der vermeintlich Schwächere eine reelle Chance hat zu gewinnen. Fußball ist ein Spiel und als solches bildet es das Leben ab.
(Ein Ball fällt wie von Gottes Hand geworfen senkrecht von der oberen Bildkante auf seinen Kopf und prallt lässig ab, Fußball ist phantastisch.)

 

Die Kugel, das erkannten schon die alten Griechen, ist die vollkommenste und einheitlichste Figur, weil all ihre Punkte vom Mittelpunkt gleich entfernt sind. Also muss auch Gott eine geistige Kugel sein, deren Mittelpunkt überall und deren Umkreis nirgendwo ist. Genau wie eine Fußball. Die Wurstsemmel ist dasjenige Objekt, das versucht, Gott Fußball am nächsten zu kommen. Sie nähert sich ihm in ihrer nicht ganz runden und dadurch imperfekten Form an und gleicht dadurch dem hungernden Menschen, der als imperfektes Wesen stets nach Erfüllung seiner Sehnsüchte strebt.

 

Früher hat man auf das Abseits getrunken, da hieß es Absinth. Heute gibt es jede Menge Abseitige, Abgeseihte. Als Organ nennt man das Abseits Blinddarm und als Grenze Niemandsland. Manche stellen sich selbst ins Abseits, weil ihnen in der Schule das im Winkel stehen so gut gefallen hat. Davon abgesehen ist das Abseits ein hochphilosophisches Thema. Wenn man im Abseits steht, wird das Spiel abgepfiffen, es sei denn, man steht im passiven Abseits, dann ist man völlig unwichtig und wird übergangen. Auch wenn man zu weit im Abseits steht, nämlich schon hinter der gegnerischen Torlinie, dann steht man quasi im Jenseits. Das Abseits ist also eine kleine Schule des Todes, quasi ein kleiner Pensionsschock.

 

Beim Elfmeter denken Tormann und Schütze, dass der jeweils andere denkt, er selbst denkt, dass der andere denkt, er denkt, der andere denkt, er denkt, und so weiter, und auch wenn der Tormann nachdenkt und feststellt, dass man beim Nachdenken nur dem hinterher denkt, was andere schon gedacht haben, er folglich gar nicht denkt und dennoch völlig gedankenlos ins richtige Eck fliegt, kann es sein, dass der hirnlose Ball trotzdem an ihm vorbei geht, weil sich tausende Zuseher fest aufs Tor konzentriert haben. Gedanken, denke ich, haben eine Kraft. Vielleicht können sie, wenn sich nur genügend Menschen darauf konzentrieren auch das Wasser zum Sieden oder Flugzeuge zum Abstürzen bringen. Aber glauben Sie, dass, wenn sich genügend Menschen fest konzentrieren, dass dann auch ein Tor fällt?

 

Woher kommen wir? Wer sind wir? Und wie endet das Spiel? Können wir erhobenen Hauptes das Spielfeld dereinst verlassen? Oder werden wir schon früher vom Trainer vom Platz gerufen? Oder gar vom Schiedsrichter des Platzes verwiesen?

 

Vielleicht ist Fußball wie Religion, Sehnsucht nach Ewigkeit, vielleicht sind die paar uns vergönnten genialen Momente in der Lage, das Zeitkontinuum aufzureißen, uns die Unsterblichkeit kosten zu lassen, die Unendlichkeit im Raum.

 

Franzobel, 2008
 

"16 Hymnen" - Eine musikalische Sonderschau der Fußball-EM-Teilnehmer
Termin: 10.5. bis 10.7.2008
Täglich 10:00 bis 22:00 Uhr
Eintritt frei

HAUS DER MUSIK - Innenhof
Seilerstätte 30
1010 Wien

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