Auf Klangweltreise
Reise-Journal
Dienstag, 13. Februar 2007
Autor: Wolfgang Schütz
AUF KLANGWELTREISE
Hört! Hört! Das Haus der Musik in Wien ist einmalig: ein Erlebnispark für die Ohren
Von Wolfgang Schütz
Normalerweise ist der Gehörgang eine ziemlich enge, knöcherne Angelegenheit, bis zum Trommelfell gerade mal gute zwei Zentimeter lang, mit einem Durchmesser von 7 Millimetern. Aber wir sind hier ja im prächtigen Wien, das sich auch „Welthauptstadt der Musik“ nennt und deshalb auf den Spuren des Klanges durch ein prachtvolles Gebäude führt. Also ist der Gehörgang hier ein klassisches, weiß getünchtes Treppenhaus samt kannelierter Säulen und rotem Läufer, das über vier Etagen eine Erlebniswelt in der Größe eines Fußballfeldes erschließt. Willkommen im weltweit einzigartigen Erlebnispark für die Ohren, der lustvoll und erkenntnisreich den Bogen von der großen Tradition der Wiener Klassik bis zu futuristischen Klangexperimenten spannt. Willkommen im magischen Theater des Hörens, im Haus der Musik.
Nüchtern betrachtet ist das menschliche Gehör eine sehr nützliche, aber bekanntlich beschränkte Einrichtung. Ihm verdanken wir nicht nur, dass wir 400 000 Töne zwischen 20 und maximal 20 000 Hertz unterscheiden können, sondern auch ein feines Raumgefühl, eine bessere Balance – damit hören wir nicht einmal halb so gut wie unsere Hunde und gut ein Zehntel von Meerschweinchen. Aber was in diesen 400 000 Tönen alles an Möglichkeiten steckt! Die Klangweltreise beginne.
1. Etage
Hier noch könnte man meinen, man habe ein gewöhnliches Museum betreten. Im Andenken an Otto Nicolai (1810-1849), einst Bewohner dieses Hauses und zugleich Begründer der Wiener Philharmonischen Konzerte, ist hier die Geschichte jener heute weltberühmten Philharmoniker sichtbar: im großen Saal die künstlerische Auseinandersetzung samt Einblicken in die Werkstatt, im Spiegelsaal die Präsentation der prägenden Dirigenten wie Furtwängler, Karajan und Bernstein. Vitrinen, Abspielstationen, schließlich ein kleiner Konzertraum mit wechselnden Aufnahmen der großen Neujahrskonzerte – ein Museum eben, ein schönes auch, mit einer verblüffenden Erweiterung aber: Vor einer großen Leinwand sind zwei Pulte aufgebaut, ein blaues und ein rotes, die oben in je einer Lichtfläche enden, auf der eben ein roter und ein blauer Würfel liegt. Geladen wird zum „Walzerwürfelspiel“.
Der Walzer-Grundrhythmus ertönt, und nun werden Rot und Blau im Wechsel gebeten, den Würfel entscheiden zu lassen. Rot wählt so per Zufall den nächsten Flötentakt, Blau den des Cello – und Wurf für Wurf, Takt für Takt entsteht: Ihr erster Walzer. Das Ergebnis ist nicht nur eines von 1,7 Millionen möglichen, es lässt sich zudem noch hören und gewährt spielerisch und ketzerisch Einblick in die Komponistenwerkstatt. Sollte Strauß…? Überlegen Sie später! Hinaus ins Treppenhaus, der rote Läufer, die Säulen, der Gehörgang, die nächste Ebene:
2. Etage
Ein ovaler Raum, gedämpftes Licht, nichts darin als ein Quader in dessen Mitte – und dann dieses Rauschen, Rauschen „Sinnesrauschen“: Es sind die Geräusche, die ein Embryo im Mutterbauch hört. Also hinsetzen auf den Quader, einhören, zurück auf Null. Denn von hier an geht alles neu los. Statt Historismus „Raumschiff Enterprise“. Sie sind jetzt in der Sonosphere. Auf diesem Stockwerk lernen Sie Ihr Hören neu kennen, seine Fähigkeiten und Funktionsweisen, seine Grenzen – und Sie dürfen, Sie müssen einfach damit spielen. Dunkle Gänge, dann Kopfhörer an der Wand, Bildschirme und Mikrophone – das Wahrnehmungslabor: Testen Sie die Räumlichkeit des Hörens, das Ende Ihres Erfassens. Gehen Sie weiter, sprechen Sie, singen Sie! Welchen Ton hat Ihre Stimme, treffen Sie reine Töne? Hier kann man’s erleben. Und wagen Sie sich ins Stimmenmeer, einen fast lichtlosen Raum mit zwei Bedienungstafeln, auf denen die Lautmöglichkeiten der menschlichen Stimme hinterlegt sind: Komponieren Sie! Im Polyphonium hören Sie, wie die Klänge der ganzen Welt zufällig komponiert klingen, Klänge, die Sie in der angrenzenden Klanggalerie einzeln aus Hörern und Trichtern sammeln könne: singende Dünen, Meeresbrandung, die Stadtmitte von Schanghai. Und mischen Sie diese Töne auch noch selbst zu Musik, auf CD, in der Evolutionsmaschine. Und dann: hinaus ins Treppenhaus, der rote Läufer, die Säulen, der Gehörgang, die nächste Ebene:
3. Etage
Nach so viel Selbstversuch und –erfahrung öffnet sich das Ohr jetzt für die Kunst der Meister. Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Strauß, Mahler, dann auch Schönberg und Alban Berg – ihnen ist hier je ein Raum gewidmet. Keine großen, museal-spektakulären Sammlungen fassen die, aber interessante und pointierte Einblicke in deren Werk und Leben. Sehen Sie, wie Mozart komponierte. Hören Sie selbst, wie es ist, wie Beethoven nach und nach sein Gehör zu verlieren – die Blicke auf Ausstellungsstücke wie eine Originalbrille Schuberts können Sie sich getrost sparen. Sie werden die Zeit noch brauchen.
Denn am Ausgang der Etage warten die Wiener Philharmoniker auf Sie. Greifen Sie zum Taktstock, treten Sie ans Pult. Radetzky-Marsch, Kleine Nachtmusik, An der schönen blauen Donau? Dirigieren Sie, was Sie wollen. Sind sie zu schnell, zu langsam, zu unrhythmisch – der erste Geiger wird sich auf dem Bildschirm erheben, es Ihnen schonungslos an den Kopf werfen und sein Orchester vielleicht sogar zum Boykott auffordern. Steckt in Ihnen aber ein Karajan, gibt’s stehende Ovationen. Und dann, so gestärkt, treten Sie hinaus ins Treppenhaus, der rote Läufer, die Säulen, der Gehörgang, die letzte Ebene:
4. Etage
Sie befinden sich jetzt – in der Zukunft, der „Brain Opera“, einer Oper des Gehirns. Es sind die neuesten Entwicklungen des Massachusetts Institute of Technology aus den USA, Versuche durch Bewegungen, Spielereien und Experimente Musik zu erzeugen. Was Sie hier an abenteuerlichen Geräten tun oder einfach dadurch auflösen, dass Sie da sind, fließt zusammen mit dem, was andere Besucher vor Ihnen hier getan haben oder verursacht haben und komponiert sich von selbst – der Traum von musikalischer Kybernetik, kybernetischer Musik. Aber spielen Sie erst Mal.
Wenn Ihnen mehr noch zu viel ist, keine Sorge. Sie kommen eh wieder – in die Welthauptstadt der Musik und in die Welt des Klanges.
Kurz informiert
Das Museumskonzept: Das Haus der Musik wurde im Jahr 2000 eröffnet und ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden, auch mit dem Preis für Österreichs bestes Museum. Es bietet zusätzlich Wechselausstellungen im Erdgeschoss, derzeit etwa über Marcel Prawy, den legendären Wiener Dramaturg und Opernkritiker. Seit kurzem gibt es dort auch noch den so genannten Musiktank, eine kostenpflichtige und anzapfbare Datenbank mit sonst nicht erhältlichen Aufnahmen (auch www.musiktank.at). Im vergangenen Jahr haben fast 200 000 Menschen das Haus der Musik besucht, ein Rekord.
Adresse: Das Haus der Musik liegt in der Seilerstätte 30, im 1. Wiener Bezirk, in der Stadtmitte also.
Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 22 Uhr
Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 8,50, Kinder unter zwölf Jahren 5,50, unter drei Jahren frei.
Kontakt: www.hdm.at, Telefon 0043/1-516-48